Fortsetzungsgeschichte

"In einem großen weißen Vogel" / Teil 2

Jetztzeit

Wenn ich meine geringe Begeisterung für Pauschalreisen bedenke, bin ich relativ oft auf die Kanaren geflogen, die prädestiniert für solche Urlaube sind. Eigentlich liebe ich es, ein Land bei Einheimischen mit Einheimischen kennenzulernen, auf eine eher intime Art. So entdeckte ich London und Südengland mit englischen Freunden, war für einige Wochen bei einer algerischen Familie in Algerien, lernte das alte Jugoslawien mit einem kroatischen Freund kennen. Und ich verbrachte einige Zeit auf den Philippinen bei der Schwieger-Familie eines entfernten Cousins. Vielleicht kostet diese Art zu reisen zunächst Überwindung, denn es heißt schließlich, sich auf die anderen Kulturen einzustellen und nicht zu erwarten, dass es überall so ist wie im eigenen Land. Aber solche glücklich durchstandenen Kulturschocks schenkten mir eine gewisse Anpassungsfähigkeit und Flexibilität und diese Art von Ferien hinterließ in mir tiefere Eindrücke als andere Urlaube. Eindrücke von Sehenswürdigkeiten verflogen immer schnell, der Komfort von Hotels blieb nie lange im Gedächtnis, aber die Tätowierungen der Berberfrauen, die Feste, an denen ich teilnahm, die fremd anmutenden Handbewegungen der Frauen im Süden oder Osten, das blieb mir als Reichtum an inneren Bildern und Eindrücken.

Auf die Kanaren zu kommen war allerdings auch über Pauschalreisen jedes Mal ein wenig wie in etwas Vertrautes einzutauchen. Die kargen Vulkanlandschaften, das Meer, die grünen nördlichen Teile der Inseln, das traf auf etwas in meinem Inneren, das Ja zu sagen schien und sogar „Das gehört zu mir!“.

Das letzte Mal vor fast drei Jahren wurde ich von einer Freundin nach Teneriffa eingeladen, die dort ein Apartment hatte am Fuß des uralten Teno-Gebirges im Westen. Keine wirkliche Pauschalreise also.

Ich kam am frühen Abend noch im Hellen an, trank einen guten spanischen Kaffee am Flughafen und kramte meine Reste an Spanischkenntnissen hervor, um herauszufinden, wie man am besten zu meiner Freundin Doris gelangte. Ich müsse in Los Christianos umsteigen, sagte man mir. In den 30 vergangenen Jahren war das 'aufstrebende Fischerdörfchen' ein großer Touristenort geworden. Mit Restaurants und Kneipen, die sich austauschbar an allen südlichen Urlaubsorten hätten befinden können. Gut, dass ich dort in dem Trubel nicht meine Ferien verbringen musste.

Der richtige Bus war dann nach einigem Hin und Her gefunden und in ihm verließ ich das ehemalige 'aufstrebende Fischerdörfchen'. Der ganze Süden Teneriffas schien eine einzige große Ansiedlung geworden zu sein, mit einem Ort am anderen, nirgendwo mehr einsame Strände. Dann an der Küstenstraße, gab es doch immerhin noch Bananenplantagen wie damals. Die Straße schlängelte sich die Küste entlang und zeigte um jede Biegung neue Einschnitte, neue Orte, neue Strände.

Als es zu dämmern begann, sah ich mich mit einem Mal die Hänge der Berge herunter kommen. Ich hatte bunte Kleidung in Erdfarben an: rostrot, Ocker, in bunten Mustern gewebt. Meine Haare waren braun, doch von der Sonne so ausgebleicht, dass sie fast blond schienen. Sie waren verfilzt. Ein Bündel war um meine Schultern geschlungen, auch aus dem Erdfarbengarn gewebt.

Es war ein merkwürdig intensives Erleben, an zwei Stellen gleichzeitig zu sein, in diesem Bus in meiner altvertrauten Gestalt und nicht weit von hier in einem jungen Körper in den Bergen. Dort trug ich einen langen Stock in meiner Hand.

Es wurde dunkel, als mein Ich des 21. Jahrhunderts langsam Richtung Nordwesten fuhr und mein anderes Ich weiter oben am Hügel stand und auf das Meer hinaus blickte.

So etwas zu erleben, war nichts wirklich Ungewöhnliches für mich. Mir war sofort klar, dass ich mich selbst in einem anderen Leben gesehen und gefühlt hatte.

Schon einige solcher früheren Existenzen hatte ich angesehen und auch selbst gelernt, diese „Rückführungen“, wie man sie nennt, für andere Menschen zu leiten. Ich empfinde es als eine wunderbare Therapiemöglichkeit, sich die Ursache von ständig wiederkehrenden Problemen anzusehen, die man für sich nicht so ohne weiteres lösen kann. Einige Male hatte ich es mittlerweile auch schon erlebt, dass Bilder aus früheren Leben spontan vor meinen Augen entstanden.

Die Vision von meinem anderen Ich klang noch in mir nach, als ich bei meiner Freundin Doris ankam. Mein Gefühl sagte mir, dass sich mir im Laufe der Reise noch mehr solche Eindrücke zeigen würden. Etwas beunruhigend war das schon, weil es keine Möglichkeit gab, diese aufkommenden Bilder zu kontrollieren. Denn das, was sich über Leben und Tode hinweg in einer Seele einprägt, sind eben eher nicht die harmonischen Ereignisse, sondern die traumatischen. Dennoch, auf gewisse Weise freute ich mich auch darauf, noch mehr zu entdecken.

Doris erwartete mich in ihrer Wohnung mit einem Freund. Sie hatten mir einen kleinen Imbiss vorbereitet. Vier Jahre zuvor hatte ich Doris kennengelernt bei einem spirituellen Seminar auf Lanzarote. Wir hatten uns gut verstanden und waren seitdem in Kontakt geblieben. Es hatte mich unwahrscheinlich gefreut, dass sie mich zu sich eingeladen hatte.

Später am Abend erzählte ich ihr von meinem Abenteuer auf der Herfahrt. Sie staunte über mein Erlebnis, kommentierte meinen Bericht mit vielen ‚Ahs‘ und ‚Ohs‘ und vermutete wie ich auch, dass ich hier auf der Insel schon einmal gelebt hätte. Ich nahm mir jedenfalls vor, mehr über diese Existenz herausfinden. Mir war die Idee gekommen, einfach an die Orte zu gehen, wohin es mich zog.

Die ersten Tage spazierte ich morgens an den Strand, begrüßte das Meer, brachte Brötchen mit zum Frühstück und nachmittags fuhren wir mit dem Bus in die nächsten Orte. Doris erzählte mir, dass sie es liebte, nach Norden zu fahren und in Puerto de la Cruz ein wenig zu bummeln. Ich machte ihr gerne die Freude und so fuhren wir an einem schönen Tag in den Norden. Dieses Streifen über die Insel ließ den Eindruck in mir entstehen, schon oft hier lang gewandert zu sein. Und immer mehr entstand in mir der Wunsch, einmal alleine los zu fahren, vielleicht in die Berge und dort ein wenig zu wandern.

1986

Oben am Pass konnten wir weiter sehen. Die übliche wüstenähnliche Vegetation, eine schier unendliche Landschaft aus steilen Berghängen, die bis zum Meer hin abfielen, kein Auto, keine Menschen, keine Ortschaften. Die Straße wurde schmaler und verlor sich in den Bergen vor uns.

Manfred und ich fuhren weiter. An der Straße befanden sich keine Seitenbegrenzungen, ganz ohne Randstreifen führte es unmittelbar in die Tiefe. Das war mein Blick von der Beifahrerseite: hinab in die tiefen Abhänge, wo ich immer wieder das Meer sah.

Solange wir keinen Gegenverkehr hätten, würde es wohl gehen. Umkehren war wahrscheinlich schwieriger als weiter zu fahren. Sicher dauerte es nicht mehr lange und wir würden wieder an befahrenere Straßen kommen. Doch wir fuhren und fuhren. Es schien endlos, eine Kehre folgte der anderen und an den Berghängen vor uns war meist nicht auszumachen, wo die Straße überhaupt weiterführte. Kein Mensch, keine Ortschaft war zu sehen. Ab und an ein Autowrack in den Abgründen, was uns nicht gerade aufmunterte.

Mit der Weile befürchteten wir, dass sich dieser Weg als Sackgasse erweisen könnte und wir gezwungen wären, auf einer derart schmalen Straße zu wenden und dann die ganze Strecke zurück zu fahren. Ich stellte fest, dass sich an Manfreds T-Shirt große Schweißflecken bildeten.

Die Straße war mittlerweile nur noch ein Schotterweg. Ich versuchte, es mir abzugewöhnen, immer in den Abgrund hinunter zu gucken und sah lieber gerade aus. Irgendwann kam uns doch ein Auto entgegen, wir warteten an der breitesten Stelle und staunten über den Fahrer, der trotz allem recht schnell auf dem engen Weg an uns vorbei fuhr.

Immerhin kam dieser Mensch irgendwoher, wir waren nicht völlig jenseits aller Zivilisation! Es fing an zu dämmern, als wir ein Haus sahen. Und dann noch zwei, drei andere. Der Ort schien nicht groß genug, um ihn mit einem Ortsschild zu versehen, aber wir waren erleichtert, es gab also Menschen auf dieser Strecke, die man notfalls erreichen konnte. Mit etwas neu gewonnenem Mut fuhren wir weiter, aber der Weg nahm immer noch kein Ende. Noch eine Serpentine, noch eine Kehre. Hatten wir überhaupt genügend Benzin im Tank?

Wir sprachen davon, dass inzwischen ein Silvester-Büffet und der Sektempfang im Hotel vorbereitet wurden. Würden wir irgendwann dort heil ankommen? Ich bedauerte Manfred, der seit heute Morgen am Steuer saß und unermüdlich kurbelte, mittlerweile schweißüberströmt. Und immer noch kein Abzweig, keine andere Straße in Sicht!

Ich versuchte weiterhin, so wenig wie möglich, die steilen Abhänge hinunter zu schauen. Diese endlose Fahrerei erschöpfte mich. Mehr als einmal sagten wir uns, wie vernünftig es gewesen wäre, die andere Route, den vermeintlich großen Bogen zurück zu nehmen, wir wären schon längst im Hotel angelangt.

Es war stockfinster als wir in Serpentinen einen Hang hinunter fuhren, der nicht derartig abschüssig war. Im Tal entdeckten wir Lichter von Häusern: Santiago del Teide!

Wir fuhren auf die Schnellstraße und waren eine Stunde später im Hotel. Abgekämpft und verschwitzt platzten wir in den Sektempfang und bestellten uns gleich einen Brandy, um den Schrecken hinunter zu spülen.

An diesem Silvesterabend trank ich viel zu viel.