Fortsetzungsgeschichte

"Im Garten des Ra" / Teil 5

Ein ums andere Mal verlangten die Priester bei den Versammlungen von mir, einen derartigen Trank einzunehmen, bevor ich mich auf meinen Thron begab. Was konnte ich nur tun, um das zu umgehen?

Auch in meinen Gemächern war der Zugang zu den höheren Ebenen inzwischen nicht immer rein. Tat mir auch hier jemand etwas in das Wasser oder in meine Speisen? Ich prüfte alles, bevor ich trank und wenn ich ein schlechtes Gefühl hatte, schob ich es beiseite. Meine Dienerinnen unterstützten mich, indem sie versuchten, über die Reinheit des Wassers in meinen Gemächern zu wachen.

Es war sehr von Vorteil, dass ich es nicht nötig hatte zu essen oder zu trinken, doch bei den öffentlichen Versammlungen nutzte es mir nichts. Die Priester achteten streng darauf, dass ich alles bis zur Neige leerte. Einmal gelang es mir, den Kelch umzustoßen und dann ganz schnell hoch zu gehen. Aber auch dann kam nicht wie früher das gleißende Licht in seiner Fülle.

Immer mehr fühlte sich alles stark verlangsamt für mich an. Wahrscheinlich hatte sich das Gift schon in mir festgesetzt.

So ging es ein paar Wochen oder Monde. Und meine Verzweiflung wuchs.

Eines Tages, bei einer großen Versammlung, zwangen mir die Priester einen besonders vollen Kelch ihres üblen Gebräus auf.

Ich konnte nur noch mit unendlicher Langsamkeit die vielen Stufen hochsteigen. Als ich mich oben niederließ, war ich so benommen, dass ich die Fragen gar nicht richtig verstand. Ich fing an, nach Worten, nach Botschaften zu suchen, aber um mich waren noch nicht einmal mehr die goldenen Nebelschwaden. Um mich herum herrschte Finsternis.

Dennoch begann ich zu sprechen und versuchte Botschaften zu formulieren, die eine Antwort auf Fragen gaben, die ich noch nicht einmal verstanden hatte. Die Gewölbe trugen wie gewohnt meine Stimme laut und fast dröhnend durch den Tempel. Verwundert stellte ich fest, dass sie sicher klang.

Ich blickte nach unten. Alles war wie immer. Sie hörten mir aufmerksam zu.

Doch unter meiner Benommenheit, erkannte ich: es war nicht die Liebe, sondern die Macht, die mich jetzt erfüllte und es war kein helles göttliches Licht um mich, sondern Dunkelheit. Ein Teil in mir war in tiefster Verzweiflung, aber ein anderer triumphierte. Triumphierte über die Priester und die dummen Menschen, die unter mir im Staub lagen. Denn trotz allem besaß ich die Macht, sie zu leiten. Sie würden sich meiner Führung anvertrauen.

Doch sogleich begriff ich, dass dieser vermeintliche Triumph etwas mit der Dunkelheit zu tun hatte. Wenn ich diesen Weg fortsetzte, dann führte er geradewegs in die vollständige Abwesenheit des Lichts. Ich hätte diesen Zustand, die Botschaften aus meinem Inneren entstehen zu lassen, sicher noch lange Zeit fortsetzen können, aber dies wäre mir wie eine Lüge erschienen.

Meine Stimme bricht ab.

Im Raum wird es unruhig und einige Menschen sehen zu mir hoch.

„Die Priester zwingen mir Tränke auf, die mir und den Botschaften schaden. Fragt sie, weshalb sie das tun und euch das Licht vorenthalten wollen, das durch mich fließt!“

Viele Blicke wenden sich den Priestern zu, die sich jetzt erheben.

„Aber diese Männer sind taub und blind, denn sie merken noch nicht einmal einen Unterschied, wenn das Licht durch mich in seiner Fülle fließt oder kaum vorhanden ist. Sie sind dumm und verstehen unseren Gott nicht. Weil sie selbst keinen Zugang zu diesen Bereichen haben!“, mein irres Lachen hallt durch die Räume.

„Schweig!“, ruft nun voller Zorn der Hohepriester aus und fordert seine Männer auf, mich herunter zu holen.

Da weiß ich, was ich zu tun habe und meine Worte dröhnen in dem Gewölbe und hallen von den Wänden nach:

„Ich werde Euren Zwecken nicht mehr dienen!“

Alle Benommenheit fällt für einen Moment von mir ab und ich bin mir bewusst, ich spreche diesen Schwur zu den Priestern, die mich missbrauchen, und rufe meinen Gott und die Menschen als Zeugen an.

Nun stoßen die Priester meine Wachen beiseite und kommen hoch zu mir. Noch nie hat es jemand außer mir gewagt, diese Treppen zu besteigen. Sie wollen mich holen. Alles findet in einem verblüffenden Eindruck von Langsamkeit statt. Ich lache wieder, denn die Gemächlichkeit ihrer Bewegungen erscheint mir lächerlich und fast glaube ich, sie können gar nicht bis zu mir gelangen.

Doch dann zerren mich die Priester von meinem hohen Sitz und in diesem Augenblick überkommt mich tiefste Verzweiflung. Dieser Thron scheint mir plötzlich der einzige Ort, an dem ich vielleicht noch einmal zum Licht finde. Ich schreie und winde mich und halte mich unten an der Treppe mit aller Kraft fest. Es ist der einzige Ort, an dem ich wieder zu meinem Gott gelangen kann! Der einzige Ort, an dem ich erneut in seine Gnade aufgenommen werden kann!

Doch natürlich ist es für die kräftigen Männer ein Leichtes, meine Hände frei zu machen und mich weg zu ziehen.

Sie zerrten mich heraus aus dem Tempel.

Ich hasste sie mit voller Inbrunst. Was gab ihnen das Recht, mich anzufassen? Mich mit ihren Händen zu beschmutzen!

Sie schafften mich auf einen Karren. Auf einen Karren mit Käfig. Dort schlossen sie mich ein und fuhren mit mir hinaus in die Wüste.

Als Gefäß des Gottes durfte ich nicht von Menschenhand getötet werden. Wesen wie ich wurden in eine Grube aus Giftschlangen oder Skorpionen geworfen, manchmal in einen Tümpel voller Krokodile. Oder eben in der Wüste ausgesetzt. Das hatten sie also für mich gewählt. Ich wunderte mich nicht, dass ein solcher Karren schon bereit gestanden hatte.

Es waren viel zu viele Menschen, die den Karren begleiteten und ich musste es erdulden, dass sie um mich waren und nicht aufhörten, mich zu schmähen. Ich verspürte einen wilden Hass auf diese laute Masse, die sich an meinem tiefen Fall ergötzte. Wenn sie nur endlich verschwänden!

Vor allem hasste ich sie, weil ich so geworden war wie sie, ein einfacher Mensch ohne Verbindung zu Gott. Das war die schlimmste Strafe, die ich mir nur denken konnte! Ich grübelte drüber nach und haderte. Weshalb war mir das alles geschehen? Wieder und wieder wälzte ich die Ereignisse in meinen Gedanken, das Erlebnis mit dem Fremden, meine angebliche Unreinheit, die Willkür der Priester... Doch es kam keine Klarheit.

Die Fahrt durch die Wüste war entsetzlich.

Als der Karren schließlich anhielt und sie den Käfig öffneten, spürte ich nur noch Erleichterung. Ich riss mich von ihnen los, zeigte ihnen meine Verachtung, indem ich mich wortlos, ohne sie eines Blickes zu würdigen von ihnen abwandte. Sie mussten mich nicht erst in die Wüste drängen.

Endlich konnte ich wieder durchatmen. Eine Ruhe finden. Zu mir kommen.

Ich setze mich wieder in Bewegung und höre noch die Geräusche des sich entfernenden Karrens.

Es ist ein golden flirrendes Licht, das Abendlicht über der Wüste. Ich frage mich, weshalb ich nicht vorher schon in der Wüste war. Diese Ruhe! Keine Menschen da! Nichts, das den Frieden stört!

Der Wüstenwind fährt in meine wallenden Gewänder. Sie sind aus wertvollem Stoff, aus dem besten Linnen Ägyptens. In dem Moment genieße ich mit großer Intensität meinen ganzen Körper, die Berührung des Linnens und die Wärme der Sonne auf der Haut, meine Füße in den Sandalen, unter mir der heiße Wüstensand. In meinem Leben gibt es viele Dinge, die ich geschätzt habe. Vielleicht habe ich nie richtig oder ausgiebig genug genossen, was das Leben mir geboten hat. Nun wird es mir bewusst.

Doch dieses Leben wird nicht mehr lange dauern. Ich bin in der Wüste ausgesetzt und es gibt kein Zurück.

Rechts von mir sehe ich Felsen, dort ist Schatten, dort will ich hineingehen. So nehme ich langsam meinen Abschied vom Reich des Ra. Mein Tod ist nur folgerichtig, denn es gibt nichts anderes zu tun. Was sollte sich auch anbieten? Es existiert keine Möglichkeit, in mein Leben zurückzukehren und ein anderes Leben will ich nicht.

„Alles ist mir gleich!“, denke ich und richte meine Schritte hin zu der Felsenformation. Dort empfängt mich Kühle und Schatten. Ein schmaler Weg führt an einer Felswand hoch. Immer höher. Ich folge ihm. Bald gähnt ein riesiger Abgrund im Dunkeln unter mir. Ein kalter Hauch weht aus den Tiefen empor. Für mich gibt es keinen Ausweg aus diesem Felsenkessel mit steilen Wänden.

Oben ist noch Sonne, sie ist gerade am Untergehen. Ein letzter Gruß meines Gottes Ra. Kurz stehe ich da und werfe noch einen Blick um mich.

Ich stoße mich ab vom Felsen. Mit beiden Händen. Mit viel Schwung, der mich hinaus in die Leere wirft. Eine Weile nehme ich die Leichtigkeit und die Freiheit des Fliegens wahr. Ich habe keine Angst. Ich begrüße den Boden, der rasend schnell auf mich zukommt.

Dann sterbe ich zerschmettert auf der sandigen Erde.

Der Tod

Der Tod ist ein Spiegel des Lebens. In ihm erkennen wir die Sinnhaftigkeit des Daseins. Mein Tod begann, nachdem mich die Männer mit dem Karren in der Wüste abgesetzt hatten. Ich konnte zur Ruhe und zu mir kommen.

Eigentlich kam es mir sehr sinnig vor, in das Reich der Sonne, das Reich des Ra zu gehen, um dort zu sterben, noch einmal gebadet von seinem lichten Überfluss. Ich sträubte mich nicht. Weshalb hätte ich jetzt noch leben sollen?

Sicher hätte ich lange überleben können in diesem Reich. Vielleicht hätte ich auch einen Weg zurück gefunden zu den Siedlungen der Menschen, aber wozu? Das einzige Leben, das mich interessierte, war mein Dasein als Medium des Ra und dorthin konnte ich auf keinen Fall zurück gelangen. Also schloss ich ab mit dem Leben und wählte den Tod.

Auf meinem Weg in das Felsental und bei meinem Aufstieg am Rande des Abgrunds dachte ich an die zentralen Erfahrungen meiner Existenz, bemühte mich herauszufinden, was ich hätte erkennen können. Immer wieder hatte ich mich mit den Priestern konfrontiert gesehen, die eine eigene Vorstellung von Ordnung hatten, eine strenge Ordnung, die für mich nichts mit der göttlichen Harmonie zu tun hatte.

Einigermaßen konnte ich es nachvollziehen, dass sie auf Prüfungen bestanden, die sicherstellen sollten, dass die Menschen ihre wichtigen Aufgaben in der Gesellschaft auch richtig vollzogen. Aber die Beweggründe für die Machenschaften des neuen Hohepriesters blieben mir nach wie vor unverständlich. Es war kein Zorn mehr in mir auf diesen Mann, nur noch Unverständnis. Ich hatte schon vor den Ereignissen erfahren, dass dieser Priester, der erst seit einigen Monaten sein Amt innehatte, die Geschicke des Tempels auf ganz andere Art zu leiten beabsichtigte als seine Vorgänger. Nie hätte ich gedacht, dass er seinen Einfluss auch auf mich ausdehnen wollte. Seine Beweggründe konnte ich nur vage deuten mit dem Gefühl, das ich in seinen Augen gesehen habe: Hass! Aber Hass worauf? Auf mich? Aus welchem Grund? Dafür konnte ich keine Erklärung finden.

Aber mehr noch als die Machenschaften des Hohepriesters zu ergründen, lag mir am Herzen, mit meinem Gott ins Reine zu kommen. Welche Bedeutung hatte die Geschichte mit dem Fremden dabei? Der Mann hatte sicher gegen die Gepflogenheiten und die Etikette des Tempels verstoßen, aber er entstammte auch einer anderen Kultur, und sein Verhalten war mit Sicherheit kein bewusster Frevel, der auf diese Art hätte gesühnt werden sollen. Es hätte genügt, ihn einfach vom Tempel zu verbannen, wie ich es vorgeschlagen hatte. Aber, überlegte ich, Ra hatte sich in mir während der Bestrafung nicht zu Wort gemeldet. Wollte er etwa ein Sühneopfer? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Gott etwas so Grausames wollte. Das wäre in der Liebe der hohen Ebenen doch gar nicht möglich!

Damit verband sich für mich wiederum die Frage meiner Unreinheit: war ich durch Berührung des Fremden unrein geworden, so wie es die Priester behaupteten? Sicher, der Mann hatte mich angefasst und sogar meinen Mund geküsst und ich hatte es ihm nicht verwehrt. Ich erinnerte mich deutlich an die erstaunlichen und sogar überwältigenden Gefühle, die dieser Moment in mir ausgelöst hatte. Jedoch schien es mir durchaus auch eine Art von Liebe zu sein, eine kleine menschliche Version der Liebe der höheren Ebenen, bei der kein fleischliches Verlangen im Vordergrund stand.

Nun, wie auch immer dieses Gefühl zu werten war, immerhin hatte ich mich ohne Zögern für meinen Gott und mein bisheriges Leben entschieden, da hatte ich keinen Zweifel in mir empfunden. Und würde es erneut eine Möglichkeit geben, mich zu entscheiden zwischen der Liebe zu Ra oder einer Liebe zu einem Mann, würde ich immer meinen Gott wählen. In diesem Punkt war zumindest Klarheit in mir.

Hatte ich meinen Gott verraten, als ich die Priester daran hindern wollte, den Fremden vor meinen Augen zu foltern und zu töten? Mein Gefühl sagte mir nein. Gott Ra sieht alles im reinen Licht. Dem Mann war Unrecht geschehen, er wurde wie ich ein Opfer der Priester.

Hatte ich etwa meinen Gott verraten, als ich mit dem Fremden fühlte und ihm Kraft gab? Wieder sagte mein Gefühl nein zu dieser Frage. Es war aus dem Herzen heraus geschehen und schuf für mich die einzige Möglichkeit, ihm zu zeigen, dass ich die Willkür und Ungerechtigkeit der Priester erkannte.

Aus meiner Sicht schien ich nicht unrein geworden zu sein durch all dies.

Oder entstand vielleicht Unreinheit durch das Miterleben der Folter und des Todes dieses armen Fremden? Nun es war nicht aus meinem eigenen Willen heraus geschehen. Es war mir aufgezwungen worden, sicherlich sogar mit der Absicht, mich unrein zu machen. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich nach meinem Fasten in der Kammer jedoch auch wieder vollen Zugang zum Licht hatte. In diesem Moment war ich also wieder in der Gnade meines Gottes. Bewies das nicht, dass ich mich nicht versündigt hatte?

Aber letztendlich hatte mich mein Gott nicht geschützt vor dem weiteren Zugriff der Priester, das Licht war nur noch in Nebelschwaden zu mir gekommen und schließlich verschwunden.

Wo lag hier meine Verfehlung? Gab es überhaupt eine Verfehlung?

So sehr ich auch überlegte und um Einsicht bat, es stellte sich keine weitere Klarheit in mir ein. Mit einem trotzigen Entschluss, sagte ich mir, dass meine Seele dies schließlich alles nach meinem Tod erkennen würde. Wozu sollte ich mich weiter quälen?

Und so nahm ich Abschied vom Reich des Ra, von der Sonne und von meinem Leben.

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Bastonage- Bestrafung im alten Ägypten

Pexels auf Pixabay

Ägyptische-Priester-Herodotus-und-Diodorus-von-Sizilien

Sarkophag des Generals Padi-Iset, Berlin, Neues Museum